16

Der Mann auf dem Felsen

 

Der im Dienst noch unerfahrene Bornier war stark beeindruckt, als er seinen Chef wortlos dicht an sich vorbeirennen sah, während die Tür zur Villa offenblieb.

Zweimal rief er ihm nach:

»Herr Kommissar! … Herr Kommissar! …«

Maigret drehte sich nicht um. Erst wenige Augenblicke später, als er die Rue d’Etretat erreichte, durch die ein paar Passanten gingen, verlangsamte er seinen Schritt, wandte sich nach rechts, stapfte durch den Matsch der Quais und rannte dann zur Mole weiter.

Er war noch keine hundert Meter in diese Richtung gelaufen, als er eine weibliche Gestalt bemerkte. Er schwenkte etwas zu ihr hinüber, um näher an ihr vorbeizugehen. In den Wanten eines Fischkutters, der noch entladen wurde, hing eine Karbidlampe. Er blieb stehen, bis die Frau den Lichtkegel erreicht hatte, und erkannte das verzerrte Gesicht von Frau Swaan. Sie blickte verstört und ging so schnell und ungeschickt, als irre sie durch Schlammlöcher und könne ihnen nur durch ein Wunder ausweichen.

Der Kommissar war nahe daran, sie anzusprechen, und machte auch Ansätze dazu. Aber vor sich sah er die verlassene Mole, eine im Dunkel liegende lange schwarze Linie, an deren Seiten sich die Wellen brachen.

In diese Richtung eilte er. Nachdem er den Fischkutter hinter sich gelassen hatte, war keine Menschenseele mehr zu sehen. Die Nacht wurde nur vom roten und grünen Begrenzungslicht der Fahrrinne durchlöchert. Der Leuchtturm auf dem Felsen erhellte alle fünfzehn Sekunden einen breiten Streifen des Meeres, warf seine Strahlen blitzschnell auf die Steilküste und ließ sie gespenstisch auf- und wieder untertauchen.

Maigret stieß gegen die Poller, erreichte den Steg, der auf Pfählen errichtet war, und fand sich vom Plätschern der Wellen umgeben.

Er spähte in die Finsternis. Er hörte die Sirene eines Schiffes, das das Hafenbecken verlassen wollte.

Vor ihm das Meer, undeutlich und geräuschvoll. Hinter ihm die Stadt, ihre Geschäfte, ihr schmutziges Pflaster.

Er ging schnell, blieb von Zeit zu Zeit stehen und schaute mit wachsender Angst um sich.

 

Er kannte das Gelände nicht, machte einen Umweg, während er abkürzen wollte. Der auf Pfählen angelegte Steg führte ihn zum Fuß eines Signalmastes mit drei schwarzen Kugeln, die er zählte, ohne sich dessen bewußt zu werden.

Weiter vorne beugte er sich über das Geländer, über breite weiße Schaumkronen, die sich zwischen den Felsenspitzen hinzogen. Sein Hut flog ihm vom Kopf. Er rannte ihm nach, aber er fiel ins Meer.

Die Möwen stießen grelle Schreie aus, und manchmal zeichnete sich ein weißer Flügel am Himmel ab.

Hatte Frau Swaan am Treffpunkt niemanden vorgefunden? Hatte der andere Zeit gehabt, sich zu entfernen? War er tot?

Maigret hielt es hier nicht länger, denn er war überzeugt, daß es sich jetzt um Sekunden handelte.

Er kam zu dem grünen Begrenzungslicht, ging um seine Eisenstützen herum.

Niemand! Und Welle um Welle schlug gegen den Deich, richtete sich auf, stürzte und floh in eine breite weißliche Höhlung, um mit neuem Schwung zurückzukommen.

Ein rhythmisches Geräusch von aneinanderstoßenden Kieseln. Das verschwommene Gebäude des leeren Kasinos.

Maigret suchte einen Mann!

Er machte kehrt, schlenderte über den Strand, dessen Steine im Dunkeln riesigen Kartoffeln glichen.

Er war auf derselben Höhe wie die Wellen. Gischt sprühte ihm ins Gesicht.

Jetzt erst merkte er, daß Ebbe war und die Mole von einem Streifen schwarzer Felsmassen umgeben wurde, zwischen denen das Wasser aufsprudelte.

Es war ein Wunder, daß er den Mann entdeckte. Zuerst kam er ihm wie ein lebloser Gegenstand vor, wie ein ungenauer Schatten unter anderen Schatten.

Er sah aufmerksam hin. Es war auf der letzten Felsspitze, dort, wo die Woge sich am stolzesten aufbäumte, bevor sie zu Wasserstaub zerfiel.

Da war etwas Lebendiges …

Um dort hinzugelangen, mußte Maigret zwischen den Pfählen durchkriechen, die den Steg stützten, über den er vor wenigen Minuten gelaufen war.

Algen überzogen den Stein. Seine Sohlen glitten ab. Man hörte ein vielfältiges Rauschen, wie die Flucht Hunderter von Krabben, das Platzen von Luftbläschen oder Wasserlöchern und das unmerkliche Beben der Muscheln, mit denen die Bohlen bis zur halben Höhe überzogen waren.

Einmal strauchelte Maigret, und er sank bis zum Knie ins Wasser.

Er sah den Mann nicht mehr, aber er war auf dem richtigen Weg. Der andere mußte diese Stelle erreicht haben, als die Ebbe am niedrigsten war, denn der Kommissar wurde plötzlich von einem zwei Meter breiten Priel aufgehalten. Er tastete mit dem rechten Fuß den Grund ab und wäre beinahe vornübergefallen.

In letzter Sekunde klammerte er sich an die Verstrebungen der Pfähle.

In solchen Momenten ist es besser, wenn einen keiner sieht. Man macht Bewegungen, auf die man nicht vorbereitet ist. Man versagt auf einmal wie ein schlechter Akrobat. Aber man kommt gewissermaßen durch die erworbene Kraft weiter. Man fällt und man rafft sich wieder auf. Man watet würdelos und unansehnlich durch den Schlamm.

Maigret verletzte sich an der Wange, und er hätte später nicht mehr sagen können, ob es passierte, als er platt auf den Felsen geschlagen war oder als er sich an einem Nagel in den Bohlen geritzt hatte.

Wieder sah er den Mann und traute seinen Augen nicht, so unbeweglich hockte er da, so sehr glich er diesen Steinen, die von weitem wie menschliche Gestalten wirkten.

Als er etwas näher herangekommen war, plätscherte das Wasser zwischen seinen Beinen. Er war kein Seemann.

Unwillkürlich stürzte er schneller vorwärts.

Endlich erreichte er den Felsen, auf dem der Mann kauerte. Der Kommissar befand sich einen Meter höher und zehn bis zwölf Schritte von ihm entfernt.

Ohne daran zu denken, seinen Revolver zu ziehen, tastete er sich auf Zehenspitzen voran, soweit das Gelände es erlaubte; Steine rollten hinab, und ihr Geräusch vermischte sich mit dem der Wellen.

Dann sprang er unvermittelt auf die erstarrte Gestalt zu, packte den Mann mit der Armbeuge um den Hals und riß ihn nach hinten.

Um ein Haar wären sie ausgerutscht und von der Woge erfaßt worden, die hier höher ans Ufer schlug. Reiner Zufall bewahrte sie davor.

Bei zehnmaligem Versuch hätte das zehnmal schiefgehen können. Der Mann, der seinen Angreifer nicht bemerkt hatte, wehrte sich wie ein Aal. Obwohl sein Kopf eingekeilt war, bog und drehte er seinen Körper mit einer Geschmeidigkeit, die unter diesen Umständen übermenschlich wirkte.

Maigret wollte ihn nicht erwürgen. Er versuchte lediglich, ihn kampfunfähig zu machen, und hielt sich mit einer Fußspitze am letzten Pfahl fest. Dieser Fuß stützte sie alle beide.

Der Widerstand des Gegners währte nicht lange. Es war nur eine spontane, instinktive Reaktion.

Sobald er wieder nachdenken konnte, zumal da er Maigret erkannte, dessen Kopf sein Gesicht fast berührte, ließ er nach.

Durch ein Blinzeln gab er zu verstehen, daß er bereit war, sich zu ergeben, und als seine Kehle frei war, deutete er vage auf die bewegte See und stammelte mit noch nicht fester Stimme: »Vor…sicht!«

 

»Wollen wir jetzt miteinander reden, Hans Johannson?« sagte Maigret, während er sich mit den Fingernägeln in glitschige Algen krallte.

Später mußte er zugeben, daß ihn sein Gegenüber in diesem Augenblick mit einem einfachen Fußtritt hätte ins Wasser befördern können.

Es war nur eine Sekunde, die Johannson jedoch, der an dem ersten Pfosten kauerte, nicht ausnutzte.

Nachher bekannte Maigret auch ganz offen, daß er sich einen Moment am Fuß seines Gefangenen festhalten mußte, um den Abhang wieder hinaufklettern zu können.

Darauf gingen beide wortlos den Weg zurück. Die Flut war weiter angestiegen. Zwei Schritte vor dem Ufer trafen sie auf denselben Priel, der den Kommissar behindert hatte und der noch tiefer geworden war.

Der Lette schritt als erster durch das Wasser, verlor nach drei Metern den Grund, platschte ins Meer, prustete und richtete schließlich den Oberkörper wieder auf.

Maigret warf sich nach vorne. Einen Augenblick lang schloß er die Augen, da er sich zu kraftlos fühlte, um einen so schweren Körper über der Oberfläche zu halten.

Dann standen die beiden Männer triefnaß auf dem Kiesstrand.

»Hat sie etwas gesagt?« fragte der Lette mit hohler Stimme, die durch nichts mehr beseelt war, jedenfalls durch nichts, das einen Menschen am Leben erhalten kann.

Maigret hätte lügen können. Er zog es jedoch vor, zu erklären:

»Sie hat nichts gesagt … Aber ich weiß …«

Sie konnten unmöglich hierbleiben. Der Wind ließ ihre Kleidung gleichsam zu einer Eiskompresse erstarren. Der Lette klapperte als erster mit den Zähnen. Im fahlen Licht des Mondes stellte Maigret fest, daß seine Lippen blau waren.

Er hatte keinen Schnurrbart. Es war das unsichere Gesicht von Fedor Jurowitsch, der Kopf des kleinen Jungen aus Pleskau, der seinen Bruder mit den Augen verschlang. Und doch sprach eine grausame Starre aus diesen verschwommen grauen Augen.

Als die beiden Männer eine Dreivierteldrehung nach rechts machten, sahen sie die mit zwei oder drei Lichttüpfelchen gesprenkelte Steilküste: die Villen, unter ihnen die von Frau Swaan.

Und während das Strahlenbündel des Leuchtturms darüber hinwegglitt, erahnte man das Dach, unter dessen Geborgenheit sie mit ihren beiden Kindern und dem aufgeschreckten Dienstmädchen lebte.

»Kommen Sie!« sagte Maigret.

»Zum Kommissariat?«

Die Stimme klang resigniert oder vielmehr gleichgültig.

»Nein …«

 

Er kannte ein Hotel am Hafen, ›Chez Léon‹, dort hatte er einen Eingang bemerkt, der nur im Sommer von einigen Badegästen benutzt wurde, die ihren Urlaub in Fécamp verbrachten. Diese Tür führte in ein Zimmer, das in der schönen Jahreszeit zu einem recht komfortablen Speisesaal umgestaltet wurde.

Im Winter begnügten sich die Fischer damit, in der Caféstube zu trinken oder ihre Austern und Heringe zu essen.

Diese Tür stieß Maigret auf. Er durchquerte mit seinem Begleiter den dunklen Raum und gelangte in die Küche, in der ein junges Dienstmädchen erschrocken aufschrie.

»Ruf deinen Chef …«

Ohne sich von der Stelle zu rühren, rief sie:

»Herr Léon! … Herr Léon! …«

»Ein Zimmer …«, sagte der Kriminalbeamte, als Herr Léon erschien.

»Herr Maigret! … Aber Sie sind ja ganz naß! … Sind Sie …?«

»Schnell, ein Zimmer!«

»Die Zimmer sind nicht geheizt! … Und eine Wärmflasche wird nicht ausreichen, um …«

»Haben Sie vielleicht zwei Morgenmäntel?«

»Natürlich … Meine eigenen … Aber …«

Er war drei Köpfe kleiner als der Kommissar!

»Bringen Sie sie her!«

Sie stiegen eine steile Treppe mit merkwürdigen Knicken hinauf. Das Zimmer war sauber. Herr Léon schloß selbst die Läden und schlug vor:

»Einen Grog, was? … Stark und viel!«

»Genau das … Aber vor allem die Morgenmäntel …«

Denn Maigret fühlte, daß er wieder krank wurde vor Kälte. Die verletzte Seite seiner Brust war wie vereist.

Zwischen seinem Begleiter und ihm herrschte für einige Minuten die Vertrautheit einer Stubengemeinschaft. Sie kleideten sich voreinander aus. Herr Léon streckte seinen Arm mit zwei Morgenröcken durch den Türspalt.

»Geben Sie mir den größeren!« sagte der Kommissar.

Und der Lette verglich sie miteinander.

Als er Maigret das Kleidungsstück reichte, bemerkte er den durchnäßten Verband, und ein nervöses Zucken huschte über sein Gesicht.

»Ist es schlimm?«

»Zwei oder drei Rippen müssen dieser Tage entfernt werden …«

Diesen Worten folgte ein Schweigen, das von Herrn Léon unterbrochen wurde, der hinter der Tür rief:

»Passen sie …?«

»Kommen Sie herein!«

Der Morgenmantel ging Maigret bis zu den Knien und ließ seine kräftigen behaarten Waden sehen.

Der Lette hingegen, schmal und blaß, wie er war, mit seinen blonden Haaren und seinen weiblichen Fesseln, zeigte in diesem Kostüm die Eleganz eines Clowns.

»Der Grog kommt sofort! Ich leg Ihre Sachen zum Trocknen hin, ja?«

Und Herr Léon raffte die beiden formlosen, triefenden Haufen auf und rief die Treppe hinab:

»Nun? … Wo bleibt der Grog, Henriette?«

Dann kam er noch einmal zurück und bat sie: »Sprechen Sie nicht zu laut! … Nebenan logiert ein Handelsreisender aus Le Havre … Er muß morgen früh um fünf mit dem Zug fort …«

Maigret und Pietr der Lette
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